Die Jagd bei Broceliande

Sie fand in Frankreich statt, nahe beim Wald von BrocÚliande, wo noch Lebewesen wie die Einhörner existieren konnten. Uralte Magie machte sich überall bemerkbar; ihr Atem war spürbar zwischen den riesigen Eichen und dem dichten Unterholz. Noch die Grenzen dieses Gebietes schienen sich im silbrigen Licht und unter den am Boden kriechenden Nebelschwaden der bretonischen Hügel zu verändern. Und obwohl verstreute Burgen und sogar unbefestigte Dörfer allmählich bis zum Rand des Waldes vorgerückt waren, wagten sich doch nur wenige Menschen in das verschlungene Dämmerreich vor. Sogar der fetteste Hase war das Risiko nicht wert, auf Geister und Feen und uralte Götter zu treffen, die in BrocÚliande wohnen sollten. Der Ort schien vor Menschen sicher zu sein.

An einem frostigen Herbstmorgen jedoch wanderte ein Mann langsam am Saum des Spukwaldes entlang und spähte mit geübtem Blick in die Runde. An seiner Seite zerrte ein Spürhund von kräftigem Körperbau an der starken Leine in seiner Hand, drückte die Nase auf den Boden und schwang den Kopf von einer Seite zur anderen. Der Mann war Hundeführer, einer der Jäger eines bretonischen Edelmannes. Er hatte die Anweisung , mit seinem Jagdhund die Spur eines Hirsches aufzunehmen und ihn bis zu seinem Lager zu verfolgen. An diesem Morgen jedoch stieß der Hundeführer auf etwas, das selbst den königlichsten Hirsch weit übertraf.

Noch bevor er den nächsten Schritt tun konnte, stand es plötzlich vor ihm. Er blieb wie angewurzelt stehen und starrte; auch der Hund rührte sich nicht. Ein Einhorn tauchte im Dunkel des Waldes vor ihnen auf, als heller Schatten vor den schwarzen Säulen der Baumstämme. Die Muskeln des Tieres zeichneten sich geschmeidig ab unter einem Fell so weiß wie Mondlicht; wie Perlenglanz schimmerte das spiralförmige Horn - ein vielfaches seines Gewichts in Gold wert.

Einen Augenblick lang ruhten die dunklen, feucht schimmernden Augen des Einhorns auf dem Eindringling und seinen Hund. Dann drehte sich das fremdartige Wesen um und trottete in den Wald zurück. Der Hundeführer kennzeichnete sorgfältig seinen Standort und hinterließ eine Gruppierung von Zweigen, um auf diese Weise die Richtung anzuzeigen, die das Wild genommen hatte. Darauf ging er den fernen Türmen entgegen, die die Burg seines Herrn krönten. Innerhalb von zwei Stunden kehrte der Hundeführer jedoch zum Waldrand zurück und diesmal war er nicht allein. Der Edelmann und sein Hofstaat sowie seine Damen mit ihren Zofen ritten auf den Wald zu. Die Höflinge waren mit Schwertern bewaffnet. Um sie herum drängten sich ein Haufen von Mensch und Tier, der die Jagdbegleitung bildete. Der Jagdleiter erteilte seinen Untergebenen unaufhörlich knappe Befehle. Hinter ihm folgten zu Fuß inmitten eines lebendigen Meeres geschmeidiger Körper und wedelnder Schwänze die beiden Hundeführer.

Einer der Männer beaufsichtigte eine Meute Windspiele, die auf Sichtkontakt jagten, der an der befehligte die Hetzhunde, die nur der Witterung nachrannten. Als sich die Gruppe dem Wald näherte, hob der Jagdleiter seine Hand, und die Reiter kamen zum Stehen. Er beugte sich vor, um sich mit dem Hundeführer zu beraten. "Hier hast du das Tier gesehen?" fragte er. "Jawohl." "Dies ist der Wald von BrocÚliande. Kein Mensch wagt es, ihn zu betreten."Der Hundeführer zuckte mit den Schultern: " Es war ein Einhorn", beharrte er. " Ich habe das Horn gesehen." Der Jagdleiter blickte den Edelmann an, der nickte; in seinen Augen glomm gierige Habsucht. Auf ein Signal des Leiters ließ nun der Führer der Hetzhunde zwei seiner Tiere von der Leine. Diese tauchten im Wald unter und suchten nach der Fährte, die zum Lager des Einhorns führte.

Entferntes Gebell teilte der wartenden Gesellschaft bald darauf mit, daß der Geruch aufgenommen war. Auf den Lärm folgte rasch der hohe Ton aus dem Horn des Hundeführers, und anschließend traten die Jäger in Aktion. Die Frauen blieben auf Befehl des Adligen zurück. Die Reiter brauchten nicht weit zu galoppieren, als sie schon auf den Hundeführer stießen. Er wartete am Rand der Lichtung zwischen den Bäumen und hatte die Hunde wieder angeleint. Stumm deutete er auf die Lichtung. Was die Gesellschaft dort erblickte, ließ sogleich absolute Stille eintreten. In den eigenen Ländereien des Edelmanns hatte der Herbst schon Einzug gehalten. Auf der Lichtung jedoch stand alles in Blüte. Ein klarer Fluß sprudelte durch diesen Obstgarten und Blumen und Kräuter säumten den Rand - Vögel jubilierten inmitten des Blütenmeeres und der Obstbäume. Sie flogen nicht davon, als die die Jäger entdeckten, sondern scharten sich schnell im schützenden Schatten des weißen Einhorns zusammen, das regungslos, wie aus Elfenbein geschnitzt, dastand.

Das Einhorn schaute mit unbeweglichem Blick wild und furchtlos auf die eindringenden Menschen und ihre Hunde. "Wir können dieses Tier nicht töten", sagte der Hundeführer leise. Seine Gier war einer tiefen Betroffenheit gewichen. Aber der Jagdleiter antwortete ihm in einem ganz anderen Ton und brach damit den Zauber, der die Jäger gefangenhielt. "Noch nicht", äußerte er. "Das wäre unsportlich." Er sah sich beifallsheischend nach dem Edelmann um und erhielt dessen Zustimmung. Es war nämlich bei der Hirschjagd üblich, die Beute nicht auf ihrer Lagerstatt zu erlegen. Der Jagdleiter gab daher das Signal, das Einhorn zur Flucht zu zwingen.

Die Spürhunde drängten knurrend vorwärts, und die Speerträger folgten direkt hinter ihnen. Augenblicklich stoben die Vögel auseinander und flogen zwischen den Bäumen auf und davon. Das Einhorn behauptete sich zunächst auf seinem Platz, als jedoch Männer und Hunde immer näher rückten, bäumte es sich auf. Speerträger umkreisten es unter lauten Rufen, eben außerhalb der Reichweite seiner scharfen Hufe. Die Leithunde wichen kläffend zurück, aber ein Windspiel war zu langsam. Das Einhorn durchbohrte die Flanken des Hundes mit einem plötzlichen Stoß seines Hornes und warf sein Opfer in die Luft. Der Windhund fiel unter Zuckungen mitten zwischen seine Artgenossen. In diesem Moment erreichte ein Speer sein Ziel in der Schulter des Einhorns und Blut strömte die weiße Flanke herab. Das Einhorn wirbelte herum und trieb den Kreis seiner Peiniger zurück. Dann machte es einen Satz in die Luft und floh mit drei gewaltigen Sprüngen. Die Bluthunde stürzten geifernd der Spur den Einhorns nach in den Wald und die ganze Gesellschaft folgte ihnen.

Nur der Edelmann legte eine Pause ein. Ebenso gelehrt wie als Jäger erfahre, waren im Dinge bekannt, die sein Jagdleiter nicht wußte. Dies seltenste aller Lebewesen mochte wohl dieselbe Hetzjagd liefern wie ein gewöhnlicher Hirsch, aber es war kein einfaches Geschöpf der Natur, und wenn nicht besondere Vorkehrungen getroffen wurden, würde es nie von Menschenhand den Tod finde, sobald seine Kraft erlahmte. Nur in Gegenwart einer Jungfrau würde sich das Einhorn in sein Schicksal fügen. Der Edelmann beauftragte daher einen jungen Pagen, seiner Dame Anweisungen zu überbringen und schloß sich dann der Jagdmeute an. Um das Jagdvergnügen gebracht, seufzte der Knabe auf und machte sich auf den Rückweg. Er fand die Frauen ohne Mühe. Sie waren am Waldrand verblieben, wo sie umherschlenderten. Der Page stieg vom Pferd und überbrachte die Botschaft seines Herrn.

Der Page streifte in qualvoller Enttäuschung umher, aber die Hofdamen unterhielten sich leise miteinander über altbekannte Themen; sie waren Warten gewöhnt. Die Dame las in einem winzigen Stundenbuch. In regelmäßigen Abständen hob sie den Kopf und lauschte. Nachdem über eine Stunde vergangen war, klappte sie ihr Buch zu.

"Sie treiben das Wild auf diese offene Fläche zu", erklärte sie. "In BrocÚliande kann es nicht getötet werden. Komm, mein Liebling." Und gemäß der Anweisung, die der Page überbracht hatte, nahm sie ein blondes Kind an der Hand, die jüngste der Hofdamen, und führte das Mädchen nach vorn. Der übrige Teil ihrer Begleitung begab sich zu den Pferden, um der Jagd nicht im Wege zu sein. Die Dame begleitete das Mädchen zu einem Fleck nah der dunklen Linie der Waldgrenze und bedeutete ihm, dort stehenzubleiben. Dann bestieg sie ebenfalls ihr Pferd und ritt einen kleine Strecke fort. Das Mädchen wartete mit gestrafftem Rücken und in die Hüften gestemmten Händen. Plötzlich krachten Zweige; das Einhorn sprang aus den Bäumen hervor und lief genau auf das Mädchen zu. Seine Flanken flogen bejammernswert, und das Blut tropfte aus seinen Nüstern. Aber sogar jetzt noch, als bedauernswertes gejagtes Wesen, strahlte es in silbriger Schönheit.

Die Umrisse der Jäger, Pferde und Hunde tauchten schemenhaft hinter dem Einhorn zwischen den Bäumen auf. Aber das wunderbare Tier rührte sich nicht vom Fleck. Es hatte das Mädchen erblickt. Dann tat es ganz ruhig einige Schritte vorwärts. Vor dem Mädchen sank es auf die Knie, lehnte sein elfenbeingekröntes Haupt sanft an die Seite der Jungfrau und ergab sich seinem Schicksal. Der Tod kam im nächsten Augenblick.

Der Edelmann ritt heran und hob das Mädchen aus der Gefahrenzone, dann brachen auch schon die Bluthunde aus dem Wald hervor, stürzten sich auf das Einhorn los und rissen ihm mit gefletschten Zähnen das Fleisch von den Knochen. Dicht hinter den Hunden folgten die Speerträger und stießen mit verzerrten Gesichtern Flüche aus, als sie ihm ihre Klingen in Hals und Herz stachen. Blut spritzte hervor, daß Einhorn zuckte zusammen und lag still. Da setzte der Jagdleiter das Horn an den Mund. Weit in den Himmel hinauf klangen die hohen Töne des Todessignals - die feierliche Musik für die erlegte Beute. So starb die Schönheit, die weit über das menschliche Fassungsvermögen hinausging. als Opfer menschlicher Vergnügungssucht. Das seltene Tier wurde quer über den Rücken eines Pferdes festgezurrt und zur Burg des Edelmannes gebracht. Das Horn aus Elfenbein, das magische Kräfte besass, fiel dem Edelmann und seiner Dame zu. Alle begaben sich höchst zufrieden zur Nachtruhe, völlig unberührt von der Vernichtung des Einhorns....

Quelle: Time-Life Verzauberte Welten - Fabeltiere

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